column: laut gedacht – Wie es sich mit einem Backpacker lebt(e)

Als sich mein damaliger Freund dazu entschloss auf Weltreise zu gehen, waren wir gerade drei Jahre zusammen. Ich kam nach Hause und er stellte mich vor die Wahl: entweder er und die Weltreise oder unsere Wege würden sich trennen. Weil ich ihn liebte entschloss ich mich ohne zu zögern für ihn. Was diese Reise bedeutete, konnte ich erahnen, aber wie die drei Monate werden sollten, bevor es für ihn los ging, daran hatte ich nicht gedacht. Anfangs wehrte ich mich vehement über diese Reise zu sprechen. Ich wollte es vielleicht nicht ganz wahr haben, hatte gehofft das alles zu verdrängen und gehofft, es würde nicht mal so weit kommen, er würde es sich nochmal anders überlegen. Als ich jedoch merkte, dass das alles keine Schnapsidee war, fing ich an mich damit zu beschäftigen. Ich setzte mich mit ihm zusammen, ließ mir die Route zeigen, alles erklären und ging mit ihm durch, was noch alles organisiert werden musste. Am Abend, an dem er den Flug buchte, ertränkte ich meinen Kummer in Alkohol. „Der Flug ist gebucht. Am 22.10. geht’s los.“ // Wir machten das Beste aus den übrigen Wochen. Wir flogen für 10 Tage in den Urlaub, unternahmen viel. Hielten nahezu jeden gemeinsamen Moment in bildlicher Form fest…

Aber die Zeit bis zum „Tag X“ wie ich ihn nannte, verging immer schneller und allmählich sammelte und stapelte sich im Arbeitszimmer alles mögliche an Utensilien und Dokumenten, die man für eine solche Reise brauchte. Ich gab wirklich mein Bestes um ihn in allem zu unterstützen, aber mit dem wachsenden Stapel wuchs auch wieder mein Kummer. Ich hatte das Gefühl, dass jeder Tag um mehrere Stunden beraubt wurde. // Am letzten Abend saßen wir im Wohnzimmer unserer gemeinsamen Wohnung. Es war bedrückend und nur widerwillig ging ich irgendwann schlafen. Als der Wecker am nächsten Morgen klingelte lagen wir im Bett, ganz still. Da war er also, dieser verfluchte Tag. Da er in Frankfurt abflog musste ich mich bereits in Nürnberg am Bahnhof von ihm verabschieden.

Als die Türen schlossen, drückte ich meine Hand 
gegen die Scheibe des ICE’s und ganz ehrlich? 
In diesem Moment schwor ich mir, so etwas nie wieder mitzumachen.

Die ersten Tage waren die Schwersten. Ich schaffte es nicht etwas auch nur ansatzweise zu verändern oder aufzuräumen, was er zuletzt in der Hand gehabt hatte. Seine Klamotten, die er am Abend vor seiner Abreise im Wohnzimmer auszog ließ ich wochenlang liegen, weil sie mir das Gefühl gaben, er sei noch zuhause und würde jeden Moment durch die Türe kommen.

 
Wann auch immer die Zeit es zuließ telefonierten oder skypten wir, und wenn es nur wenige Minuten waren. Die Beziehung funktionierte erstaunlich gut über die Distanz hinweg und das verlieh mir Sicherheit. Mir ging es besser und ich begann mein Leben neu zu ordnen und arrangierte mich mit der neuen Situation. Ich vergrub mich nicht mehr nur zuhause, ging wieder aus oder lud Freunde zu mir ein. Natürlich waren Tage wie mein Geburtstag, Weihnachten, Silvester, unser Jahrestag oder sein Geburtstag Tage, an denen es mir nicht gut ging, die ich nicht genießen konnte. Aber die Tage vergingen. Es wurde November, Dezember, Januar, Februar, März…. Die Vorfreude stieg, aber auch die Anspannung. Auf den letzten paar Metern fingen wir an uns immer öfter und wegen jeder Kleinigkeit zu streiten. Wir stritten via Skype, einer von uns beendete einfach das Gespräch indem er den Laptop oder die App schloss. Ich hatte Panik, furchtbare Panik. Ich hatte mein Leben im letzten halben Jahr ganz gut hinbekommen, hatte gelernt wieder alleine zu leben und mich persönlich stark verändert. Ich hatte Angst, wir könnten uns nicht mehr mögen. Ich hatte Angst, jeder von uns hätte sich an sein neues Leben gewöhnt und hätte das „Alte“ vergessen. // Zwei Tage vor seiner Ankunft entspannte sich die Situation. Wir freuten uns aufeinander und zeigten das auch. Wir zählten die Stunden. Die Autofahrt nach Frankfurt kam mir wie eine Ewigkeit vor. Ich konnte es kaum erwarten.
Er verließ als letzter das Gate. Er trottete hinter den Flugbegleitern her, ein fettes Grinsen im Gesicht. Als ich ihn sah stand die Welt einen Moment still und mein Herz setzte aus. Wir hatten es geschafft, ein ganzes halbes Jah. Ich hatte das Gefühl mein Herz würde zerspringen. Die ganze Heimfahrt über hielt er meine Hand und ließ sie nicht mehr los. Das Gefühl war überwältigend. Als er abends das erste Mal nach sechs Monaten wieder neben mir einschlief, blieb ich die halbe Nacht wach und schaute ihm beim Schlafen zu.

Die ersten paar Tage war ich wie in Trance. Es wirkte alles wie durch eine rosa rote Brille. Aber nach kurzer Zeit stellten wir fest, dass es nicht mehr so war, wie vorher. Etwas hatte sich verändert. Wir hatten uns verändert. Wir stritten täglich, in den schlimmsten Phasen lebten wir nebeneinander her, redeten kaum miteinander und gingen getrennt schlafen.

Alles war lieblos, halbherzig und kalt.

Ich führte stundenlange Gespräche mit meiner Familie, wandte mich an seinen Freund, mit dem er anfangs auch gemeinsam auf Reisen war. Alle sagten mir, ich solle kämpfen, an uns glauben und das tat ich. Ich investierte all meine Kraft in diesen Kampf und an einem Dienstag hatte ich das Gefühl, wir hätten das Schlimmste überstanden. Es war der erste Tag, an dem ich mich wieder darauf freute nach Hause zu kommen, ohne Bauchschmerzen. Es war aber auch jener Tag, an dem ich den Kampf um meine Beziehung verloren hatte. Sechs Wochen waren vergangen, seit ich ihn in Frankfurt am Flughafen abgeholt hatte.

~

Was ich euch mit dem Einblick in dieses kurriose halbe Jahr sagen möchte: ich denke nicht, nein, ich weiss, dass nicht jede Beziehung nach einer solchen Reise zerbricht. Eine solche Reise stärkt Beziehungen, schafft Vertrauen und gibt einem selbst auch die Möglichkeit, sich neu zu entdecken. Selbst wenn man derjenige ist, der zurückt bleibt, während der andere das womöglich größte Abendteuer seines Lebens erlebt. Eine Beziehung, die eine solche Reise nicht übersteht wäre früher oder später sowieso auseinander gegangen. Als ich mich am 22. Oktober 2013 am Gleis von meinem damaligen Freund verabschiedete, schwor ich mir, so etwas nie wieder mit mir machen zu lassen.

Heute, genau drei Jahre, nachdem ich die Hand 
gegen die Scheibe des ICEs drückte, 
revidiere ich diese Aussage. 

Ich würde es wieder tun. Diese Zeit hat mich verändert. Sie hat mich stärker gemacht und ich habe angefangen, nicht immer nur die schönen Dinge zu sehen. Ich habe meine mädchenhafte Brille abgelegt und bin durch diese Zeit ein Stück weit erwachsener geworden. Ich habe Dinge für mich neu entdeckt, ich habe gelernt, alleine durchs Leben zu gehen und es trotzdem zu schaffen. Ich würde es wieder tun, weil es der größte Fehler auf Erden ist, einem Menschen, den man liebt etwas zu verwehren, was dieser liebt. Und wenn es das Reisen ist, dann wird er sich auch immer wieder fürs Reisen entscheiden. 

6 Kommentare

  1. Anonym
    22. Oktober 2016 / 9:43

    Liebe Leni,
    danke für deine ehrliche und menschliche Art Dinge in Worte zu fassen. Es ist nie leicht, einen Menschen gehen zu lassen, auch wenn es nur für einen bestimmten Zeitraum ist. Es ist menschlich, dass man sich verändert und es ist menschlich, dass die Wege in zwei verschiedene Richtungen laufen. Wie du schon sagtest: wärt ihr für einander bestimmt gewesen, den Rest eures Lebens miteinander zu verbringen, dann hättet ihr dieses halbe Jahr auch überstanden. Ich habe deine Entwicklung, sofern ich das über das Social Network beurteilen kann, mitverfolgt und muss sagen, dass du dich tatsächlich verändert hast. Ich verfolge deinen Blog und dein Instagram schon sehr lange und du bist reifer, erwachsener und weiblicher geworden. Ich möchte deinen Ex-Freund nicht angreifen, da ich ihn nicht kenne, aber wenn ich die Leni von heute mit der Leni von damals vergleiche, bist du heute ein Mensch der frei ist und sich zu dem wunderbaren Schmetterling entwickeln konnte, der er heute ist. Ich glaube du warst nie wirklich frei als du mit ihm zusammen warst, auch, wenn du dich vielleicht so gefühlt hast. Halte einen Moment inne, blicke zurück und frage dich, ob du es warst. Warst du es? Die Antwort kennst nur du.

    Bleib bitte so ein strahlender und schöner Mensch, wie du es heute bist. Und wenn es mal nicht so läuft, wie es sollte lautet die Devise: aufstehen, Krönchen richten, weitermachen. YOU GO GIRl!

    Alles Liebe,
    J. xx

  2. 22. Oktober 2016 / 18:24

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  3. Anonym
    2. November 2016 / 9:28

    ganz, ganz toll geschrieben!

  4. Anonym
    4. Januar 2017 / 23:32

    Ein Vögelchen hat mir gezwitschert, dass ihr wieder zusammen seid? 🙂

  5. 4. Januar 2017 / 23:33

    Da musst du das Vögelchen entweder falsch verstanden haben, oder das Vögelchen hat zu Silvester zu viel gesoffen 🙂 wir sind seit nahezu 3 Jahren glücklich voneinander getrennt!

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