column: laut gedacht – Auf Entzug

Ich öffne die Augen an einem Sonntag Morgen und höre die Regentropfen gegen mein Schlafzimmerfenster prasseln. Langsam drehe ich mich auf die linke Seite und mein Blick fällt auf den Wecker: 07:56. Ich schmeiße mich zurück in die Kissen und ziehe die Decke über den Kopf. Ich spüre schon in dieser Sekunde, dass es einer dieser Tage ist. Einer dieser beschissenen Tage, die sich anfühlen, als wäre man auf Entzug.

Bis 12 Uhr verharre ich im Bett. Anfangs döse ich noch ein wenig vor mich hin, dann starre ich abwechselnd mein Handy und die Wand im schummrigen Licht des Schlafzimmers an. Ich möchte nicht aufstehen, aber liegen bleiben möchte ich auch nicht. Wozu, es ist ja keiner da, mit dem ich diesen verregneten Tag im Bett verbringen könnte. Auch wenn es mir schwer fällt öffne ich die Schlafzimmertür und trete in den viel zu hellen Flur. Ich torkle, muss mich am Türstock festhalten und mich sammeln. Meine müden Beine tragen mich ins Badezimmer und es dauert eine Weile, bis ich mich traue in den Spiegel zu blicken. Meine Haare stehen in alle Richtungen, die Wimperntusche des vorherigen Abends findet man überall, nur nicht mehr da wo sie hingehört. Der Geschmack des Weißweins liegt mir auf der Zunge. Ich putze mir die Zähne, falle zurück ins Bett und rolle mich in meine 2,00 x 2,00 Meter große Decke ein. 

Drei Jahre bin ich nun alleine. Ich möchte nicht behaupten, dass ich in dieser Zeit ein Kind von Traurigkeit war, aber was ich behaupten kann ist, dass es mich nicht glücklich gemacht hat. Es hat mir nichts gegeben. Ich lebe das Singleleben in zwei Phasen. Die eine Phase ist die, in der ich es in vollen Zügen genieße alleine zu sein. Es sind dann diese Tage, in denen ich in Unterwäsche mit Stöpseln im Ohr durch meine Wohnung tanze. In denen meine Klamotten in die Ecke fliegen und dort liegen bleiben, weil sich keiner daran stört. Es sind Tage und Nächte, in denen ich komme und gehe, wann mir danach ist. Und dann gibt es die zweite Phase, die sich immer wieder aufs Neue einschleicht. Sie besteht aus tagelang im Bett verkriechen, mangelnder Motivation und einem Gefühl von Stillstand und Leere. Es sind Tage, an denen mir ein Partner fehlt. Zum Anlehnen, Festhalten und Abschalten. Einer, der die Gefühle verrückt spielen lässt, der dich massenhaft Oxytocin ausschütten und auf Wolke 7 schweben lässt. Aber weil da seit 1.096 Tagen keiner ist, fühlt es sich an, als wäre ich auf Entzug.

„Auf Entzug sein“ – ob das etwas hart klingt? Immerhin sprechen wir hier nicht von Drogen, Alkohol und Zigaretten. Wie masochistisch muss ein Mensch wohl veranlagt sein,  sich gefühlsmäßig von einem anderen Menschen so abhängig zu machen? Egal wie masochistisch es ist, wir tun es alle, mit vollem Bewusstsein und absoluter Hingebung.

Alejandra Quiroz

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2 Comments

  1. Katrin 21. Juli 2017 / 20:34

    Liebe Leni, deine Texte machen mich immer wieder sprachlos und berühren mich sehr. Du scheinst ein so wunderbarer Mensch zu sein, der es – wie ich finde – so verdient hätte, endlich jemanden an der Seite zu haben, der schätzt, wie gut du bist. Ich wünsche es dir so, so sehr.

  2. Annika 23. Juli 2017 / 17:15

    Du sprichst mir aus der Seele. Wunderschöner Text! Hab einen schönen Start in die kommende Woche!

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