column: laut gedacht – Stillstand

Gefühlt eine Ewigkeit sitze ich da, mucksmäuschenstill. Ich kann mein Herz schlagen hören, viel zu schnell und das Blut rauscht in meinen Ohren, viel zu laut. Ich starre das leere Blatt Papier an, das vor mir auf dem Tisch liegt. In meinem Kopf überschlagen sich seit Wochen Gedanken und Gefühle, die mich sonst immerzu anschreien. Jetzt, wo ich mir wünsche, sie mir von der Seele schreiben zu können, ist da nichts. Plötzlich ist der Kopf so leer, die Gedanken so leise, die Gefühle so kalt.

Ich hangle mich von einem Gedanken zum Nächsten. Spinne einen erneuten, überspringe zwei weitere und verbeiße mich letztendlich doch an dem Gedanken, den ich zuerst gefasst hatte. Doch ich erlange keine Erkenntnis, die den gegenwärtigen Gemütszustand umschreiben und entschuldigen könnte. Ich kann denken, interpretieren und philosophieren so viel ich möchte. Meine Fragen können nur von einer Person beantwortet werden. Aber was, wenn die Antworten ausbleiben?

Es war schön, unkompliziert, das Gefühl angekommen zu sein stetig präsent. Wenn ich morgens aus dem Haus ging, kreisten meine Gedanken bereits schon um das nächste Wochenende. Denn das war es, was mich über Wasser hielt: der Gedanke an die gemeinsame Zeit am Wochenende, in der ich mich einfach fallen lassen kann. Wenn wir zusammen sind, vergesse ich die Zeit und alles um mich herum. Die Uhren scheinen manchmal still zu stehen. Da gibt es nur uns beide.

Die Frage nach dem “Was wäre gewesen, wenn…?”

Gerade im Moment bin da aber nur ich, mit Träumen, Wünschen und mindestens genau so vielen Ängsten. Für “uns” fehlt gerade die Zeit. Alles an ihm fehlt mir und trotzdem gebe ich “uns” frei. Für einen Moment, nicht für immer – hoffe ich! Aufgeben? Nicht mal eine Sekunde denke ich daran. »Ist das diese Liebe, von der immer alle sprechen?« Ich blicke M. fragend an. Ohne sie hätten die letzten Tage deutlichere Spuren hinterlassen. Sie überlegt einen Moment, dann schüttelt sie leicht, fast ungläubig, den Kopf und sagt: »Ganz ehrlich? Was soll es sonst sein? Ich kenne niemand, wirklich niemand, der das so mitmachen und durchziehen würde, wie du es tust. Noch dazu nach dieser Zeit…« Es ist eine gewisse Art von Respekt, die ich mir in den letzten Wochen verschafft habe. Durch meine Geduld, dem Glauben an das Gute und dadurch, Verständnis zu zeigen, wo andere schon längst keines mehr gehabt hätten. Kraft aufzubringen, um schützende Worte über manch hitzige Diskussionen zu legen.

Immer wieder werde ich gefragt, warum ich nicht einfach einen Schlussstrich ziehe, ohne Bleistift, ohne Radiergummi. Denn Schlussstriche zieht man nicht mit Bleistift. Vielleicht ist der Grund für mein Durchhalten tatsächlich dieses ominöse Ding, das sich “Liebe” nennt. Zu groß ist auch die Angst vor der Frage: »Was wäre gewesen wenn…?« Weil wir etwas wagen und mutig, vielleicht auch ein bisschen verrückt sein wollten. Und diese Frage würde zwangsläufig aufschlagen, wenn ich diesen Schlussstrich ziehe. Ohne Bleistift. Ohne Radiergummi. Dafür endgültig. Zu voreilig. Ich will diesen Schritt nicht wagen und doch zerreißt mich das Vermissen…

*

»Ich könnte dich stundenlang verliebt anstarren, obwohl ich weiß, dass es dir unangenehm ist. Und ich möchte nicht gehen, weil es der einfachere Weg wäre. Ich möchte bleiben, weil ich mich dazu entschieden habe, an deiner Seite zu sein.
Trotz Ecken und Kanten. In guten wie in schlechten Zeiten.

Was ist mit dir? Wie entscheidest du dich?«

6 Kommentare

  1. Petra
    25. September 2017 / 6:26

    Sehr schön geschrieben und auf den Punkt gebracht ❤️

    • Leni
      3. Oktober 2017 / 7:11

      Danke Tantchen ♥

  2. Alina
    26. September 2017 / 17:08

    unfassbar schön geschrieben… ich hoffe alles wird wieder gut!

    • Leni
      3. Oktober 2017 / 7:12

      Das hoffe ich auch!!

  3. 1. Oktober 2017 / 10:17

    Wow, so ein schöner Beitrag!! Ich konnte überhaupt nicht aufhören den Beitrag zu lesen und war total gefesset!! 🙂

    Liebe Grüße,
    Annika von sparksandmemories

    • Leni
      3. Oktober 2017 / 7:13

      Danke liebe Annika:)

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