column: laut gedacht – Als aus WIR zwei Mal ICH wurde

Wenn ich damals den Beginn unsere Geschichte – denn es gab ja mal ein uns – meinen Freundinnen erzählte, verlangten sie Popcorn zur hollywoodreifen Lovestory. Aber unser Hollywoodstreifen entwickelte sich zu einem Kurzfilm, der wenig später einem Graufilm glich und statt einem Happy End den Abspann eines traurigen Stummfilms hatte.

Wir gaben in kürzester Zeit so viel voneinander Preis. Er kannte meine Ängste, die Geschichten meiner Verflossenen. Ich kannte seine lustigsten, aber auch seine traurigsten Momente. Dinge, die so ernst, so tiefgründig waren. Dinge, die man sich nur erzählt, wenn man sich wohl beieinander fühlt, sich vertraut. So saßen wir da, stundenlang, im Sommer, schütteten uns gegenseitig unsere Herzen aus, tranken Wein und lachten im nächsten Moment die düsteren Gedanken weg. Er hatte es geliebt, wenn ich sanft seinen Nacken graulte und ich liebte seine Art mich anzusehen. Er gab mir eine Comfort Zone, zwei starke Arme, die für mich irgendwie Zuhause bedeuteten – Sicherheit eben – und ich ließ mich fallen.

Und ich fiel und fiel und fiel….

Ich verließ das Haus. Ein Abschiedskuss, ein »Wir hören uns heute Abend«. Abends dann ein kurzer Wortwechsel, anschließend falle ich vor Müdigkeit ins Bett. Ein »Guten Morgen Sonnenschein…« am nächsten Morgen auf dem Lockscreen meines Smartphones – der perfekte Start in den Tag. Nach vier Tagen Arbeitsstress und Boyfriendabstinenz schleicht sich dann abends, weil das Bett so groß und der Platz neben mir so leer ist, das Gefühl der Sehnsucht ein. Eine Nachricht… Noch eine… Noch eine….

… und prallte auf.

Meine Gefühle sind das reinste Auf und Ab. Zu Beginn waren die Nächte am Schlimmsten. Denn wenn ich wach lag und meine Gedanken um uns kreisten, fraß mich die Stille und die Leere auf und in jenen Nächten schien die Uhr still zu stehen. Dann kamen wieder die besseren Nächte. Nächte in denen ich durch schlief. Gerade holt mich jedoch alles wieder ein – es verfolgt mich bis in meine Träume. Wie oft ich die letzten Wochen bei Freunden zuhause saß, weil ich die Einsamkeit nicht ertragen konnte, weiß ich schon nicht mehr. Ich habe aufgehört mit zu zählen. Noch heute ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich versuche zwischen den nicht vorhandenen Zeilen zu lesen. Herauszufinden, wann er die andere Abzweigung genommen hat, ohne mir etwas davon zu sagen. Ich hadere mit mir selbst – immer und immer wieder. Irgendwann habe ich die Situation erkannt. Ich wollte es nur nicht zulassen; war noch nicht bereit dazu, es beim Namen zu nennen. Zu lange war ich naiv, habe die Hoffnung nicht aufgegeben und vertraut – auf ihn vertraut. Doch je länger ich von ihm im Regen stehen gelassen wurde, desto mehr wurde mir bewusst, dass der Moment gekommen war.  Der Moment, als aus WIR zwei Mal ICH wurde.

Den Anstand, mir die Wahrheit ins Gesicht zu sagen, hatte er nicht. Das musste jemand anders für ihn erledigen. Diese Erniedrigung, Missachtung und Enttäuschung, die ich in diesem Moment gefühlt habe und heute noch nahezu täglich fühle, habe ich so schon lange nicht mehr empfunden. Ehrlich gesagt habe ich das so noch nie empfunden. Ich fühle mich bestraft. So kommt seine Art, mit mir umzugehen, jedenfalls an. Als hätte ich etwas getan, was ihm das Recht gibt, mich so zu behandeln. Dabei war er es, der mich wochenlang hinhielt und in Kauf nahm, dass ich mich so fühle. Wenn ich ihn dann mal sehe, sehe ich einen Menschen, der mir mal so nah war und fühle mich wie eine Fremde. Ob ihm das überhaupt bewusst ist? Ich weiß es nicht!

Unbenannt-1 Kopie

Ich kämpfe jeden Tag gegen mich selbst an. Wenn ich in den Spiegel blicke mag ich nicht, was ich sehe. Die letzten Wochen haben dazu geführt, dass ich mich selbst nicht mehr leiden kann. Und obwohl die Leute sagen, dass es nichts gibt, wofür ich mich schämen bräuchte, schäme ich mich. Dafür, wenn ich mit verquollenen Augen aus der Damentoilette komme und meine Kollegen sehen, dass ich mal wieder geweint habe. Dafür, dass ich hochexplosiv und daher oft mit Vorsicht zu genießen bin. Ich schäme mich, weil ich mir die Blöße gebe. Denn trotz allem vermisse ich diesen Menschen Tag für Tag…

In mir ist es so kalt wie die winterliche Nachtluft. Obwohl ich weiß, dass ich muss, schaffe ich einfach nicht abzuschließen. Hätte ich gewusst, dass alles so endet, hätte ich mich vermutlich niemals darauf eingelassen. Aber wer weiß das schon? Ich sah in ihm so viel mehr, als nur eine Sommerliebe – habe schlichtweg mein Herz verloren. So etwas kommt vor… Denn wie kann man eine Beziehung führen ohne daran zu glauben, dass sie für immer hält? Oder zumindest dies zu wollen? Worauf baut sie dann auf? Auf ein „Ich liebe dich bis nächstes Jahr – vielleicht“? Liebe ist doch kein Ausflug dessen Beginn und Dauer man festlegen oder bestimmen kann. Man sollte sich darauf einlassen und hoffen, dass sie niemals endet.

IMG_2694

19 Kommentare

  1. Niki
    14. Januar 2018 / 14:59

    Hach, Leni.
    Das Gefühl kenne ich, nur war ich nie mit ihm zusammen, da uns 700 km trennen, wenn er nicht hier bei seiner Familie ist.
    Wenn wir uns sehen so schön, so wertschätzend, so passend.
    So schade, so schmerzhaft, immer und immer wieder, wenn wir uns verabschieden und nicht wissen, ob bzw. wann wir uns noch einmal treffen.
    Natürlich nicht das Gleiche, wie bei dir. Bei uns sind die Fronten geklärt, trotzdem gibt es keine Bremse für die Gefühle oder ein Ein-Aus-Knopf.

    So blöd es klingt: die Zeit heilt alle Wunden und dein perfekter Partner ist sicherlich schon in den Startlöchern, ich hoffe, du kannst dich dann auf ihn einlassen.
    <3

    • Leni
      16. Januar 2018 / 7:31

      Liebe Niki, danke für deinen Kommentar!
      Man muss nicht mit einem Menschen in einer Beziehung gewesen sein, um so etwas trotzdem zu empfinden! Wobei es manchmal schon schön wäre, wenn es einen Ein-Aus-Knopf für Gefühle geben würde… es würde zwar manches einfacher machen, aber manches auch sicherlich verkomplizieren.
      Ich wünsche dir alles Gute ♥

  2. Lisa
    14. Januar 2018 / 17:39

    „Liebe ist doch kein Ausflug dessen Beginn und Dauer man festlegen oder bestimmen kann. Man sollte sich darauf einlassen und hoffen, dass sie niemals endet.“

    So schön geschrieben und so wahre Worte, besonders der letzte Abschnitt. Manchmal ist die Liebe so unglaublich verletzend. Ich hoffe trotzdem, dass du dich nächstes mal (wenn mr Right vor der Tür steht) wieder einlässt. Weil- was wären wir ohne die Liebe?

    • Leni
      16. Januar 2018 / 7:32

      Liebe Lisa, danke für dein liebes Feedback!
      Ganz ehrlich, das hoffe ich auch. Es wird halt nur zunehmend schwerer.
      Aber ja, was wären wir ohne die Liebe? ♥

  3. Annika
    14. Januar 2018 / 21:05

    Oh nein, Leni… ich verfolge dich schon lange bei Instagram und fand es so schön, dich im Sommer so glücklich zu sehen. Wie du immer von ihm geschwärmt hast… es bricht mir fast ein wenig das Herz, dass er dir offenbar deins so schwer gebrochen hat. Er weiß doch gar nicht, was er verpasst und er wird es feststellen, irgendwann, und dann ist es vielleicht zu spät… so traurig…

    • Leni
      16. Januar 2018 / 7:34

      Hallo Annika, danke für deinen Kommentar!
      Auch wenns mittlerweile schwer fällt: an die schönen Momente im Sommer werde ich trotzdem immer mit einem Lächeln denken! 🙂

  4. Alex
    15. Januar 2018 / 7:47

    Hallo Leni, du hast das Talent, die Dinge so zu umschreiben, dass man(n) beim Lesen das Gefühl hat, selbst in der Situation fest zu stecken. Sogar ich als Mann muss sagen, dass mich dein Text sehr berührt hat. Niemand, wirklich niemand, hat es verdient, so behandelt zu werden. Wie soll ein Mensch jemals wirklich aufrichtig lieben, wenn es immer wieder Leute gibt, die einen wohlwissend (das unterstelle ich ihm jetzt einfach mal) so verletzen. Ich wünsche dir alles Gute und hoffe, dass du den Richtigen bald triffst oder deine Sommliebe, wie du ihn so schön nennst, wieder zur Besinnung kommt. Denn vergiss niemals: jeder Mensch hat eine 2. Chance verdient! 🙂

    • Leni
      16. Januar 2018 / 7:35

      Hallo Alex, danke für deine nette Nachricht!
      Du hast das eigentlich sehr gut umschrieben, da fällt mir gar nichts ein, was ich dazu noch schreiben könnte 🙂
      Es freut mich aber, dass tatsächlich auch mal ein Mann hier einen Kommentar hinterlässt & dann auch noch zu einem so tiefgründigen Thema 😉
      Liebe Grüße!

  5. Markus
    15. Januar 2018 / 14:09

    Für dich würde ich mir wünschen, dass dieser Mensch deinen Text liest und endlich mal zur Besinnung kommt. Dass er dir endlich sagt, was letztlich das Problem ist oder war und du das Kapitel schließen kannst! Ein Mensch, der dich so behandelt, ohne jeglichen Respekt, keinen Anstand hat, kann unmöglich der Richtige sein.

    • Leni
      16. Januar 2018 / 7:36

      Ich denke mal, dass ich darauf lange warten kann, Papa. Wenn meine Fragen beantwortet wären, wäre es vielleicht ein wenig leichter, einen Haken dahinter zu machen. Aber so stehe ich halt immer noch mit jede Menge Fragezeichen im Kopf da…

  6. 16. Januar 2018 / 0:38

    Oh Leni, dein Text bricht mir das Herz 🙁 aber – wirklich wundervoll geschrieben, mit so viel Gefühl. Klingt abgedroschen und wie ein Poesiealbumspruch, aber du wirst schon die Person kriegen, die du verdienst. Bzw. die dich verdient und dich so behandelt, wie es richtig ist – er war es jedenfalls nicht!

    Fühl dich gedrückt ♥️

    • Leni
      16. Januar 2018 / 7:37

      Danke Liebes! ♥ so abgedroschen das vielleicht klingen mag, ist ja auch recht viel Wahrheit dahinter…
      Küsschen nach Hamburg ♥

  7. Jill
    16. Januar 2018 / 7:25

    wunderschön geschrieben & sehr ästhetische, stimmungsvolle Bilder 🙂

    • Leni
      16. Januar 2018 / 7:37

      Hallo Jill, vielen Dank!

  8. M.
    16. Januar 2018 / 14:37

    Nachdem wir dieses Mal, relativ zeitnah, die gleiche Scheiße durchmachen durften, habe ich auf ein Wort gehofft. Und ich wurde nicht enttäuscht. “Hadern” trifft es zu 100%. Und obwohl ich nie Müde werde, dir Tipps zu geben, konnte ich mich diesmal selbst dabei beobachten, wie ich jeden einzelnen meiner Tipps, sehenden Auges, missachtet habe. Aber jetzt verstehe ich dich besser als zuvor. Man möchte keine “Ich melde mich nicht, um weiter interessant und geheimnissvoll zu wirken”-Spielchen spielen… man möchte einfach mal so sein, wie man nunmal ist, und das man genau dafür geliebt wird. Wenn man, zumindest in meinem Fall, etwas Positives aus der Sache resümieren möchte, dann, dass ich trotz allem noch in der Lage war, mich vollends auf einen anderen Menschen einzulassen. Das unrühmliche Ende, das wir beide dann noch Ende letzten Jahres erfahren durften, wird es nicht einfacher machen, beim nächsten Mal wieder vorurteilsfrei und bedingungslos einen Vertrauensvorschuss zu gewähren… aber ganz ohne wird es wohl auch nicht funktionieren…

    • Leni
      16. Januar 2018 / 16:41

      Ich war jetzt so baff von deinem Kommentar, dass ich erst mal überlegen musste, was ich schreibe. Du hast das eigentlich schon perfekt formuliert. Wir saßen halt doch mal wieder im gleichen Boot, obwohl es bei uns beiden anfangs blendend aussah. & ich denke, dass es auch das war, was uns in einer gewissen Hinsicht das Genick gebrochen hat. Aber ist es nicht immer so? Dass man der Meister im Tipps geben ist, sich aber – ist mandann mal in der gleichen Situation – nicht dran halten kann, weil mit einem die Emotionen etc. durchgehen? Als ich dir Tipps zu L. gegeben habe, war ich auch groß im Reden schwingen… you know what I mean, darling? Aber ja, wie du schon sagst: ganz ohne wird es wohl auch nicht funktionieren…

  9. irene
    20. Januar 2018 / 16:44

    Liebe Leni, Seit ich vor ein paar Tagen Deinen Text las verfolgt er mich. Weil er unglaublich ehrlich und schön geschrieben ist. Und weil es mich immer wieder fassunglos macht, wie sich ein Mensch aus einer Beziehung derart davonstehlen kann. Ohne Anstand und Respekt. Was für ein feiges und niederträchtiges Würstchen. Erbärmlich. Dein Herz wurde offensichtlich mit Füßen getreten, ich weiß wie das ist. Ich wünsche Dir viel Kraft und kann aus eigener Erfahrung sagen: Irgendwann kann man wieder durchatmen und merkt dass es vorbei ist. Die Zeit heilt wirklich alle Wundern, so banal das auch klingen kann.There comes a point in your life when you realize who really matters, who never did and who always will. Verschließe Dein Herz nicht, Du wunderbare Frau. Ich drück Dich. Viele liebe Grüße, Irene

    • Leni
      23. Januar 2018 / 9:23

      Liebe Irene, das sind so, so liebe Worte! ♥ Danke dafür! Ich kann dem auch gar nichts mehr hinzufügen, du hast es auf den Punkt getroffen. Fühl dich gedrückt & ich hoffe, wir sehen uns bald mal wieder 🙂

  10. ANONYMOUS
    29. März 2018 / 7:14

    Ich glaube, dass das neben “Loslassen” die traurigste Kolumne ist, die ich jemals von dir gelesen habe…

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.