Ich lese mich durch die Kommentare, die auf meinem Dashboard zur Moderation ausstehen. Es sind so viele liebe Kommentare, aber bei einem stockt mir einen Moment der Atem und ich muss ihn immer und immer wieder lesen. „Du wärst ein wunderschönes Plus-Size-Model.“ Baaaaam, in die Fresse. Das hat gesessen. Normalerweise können mir diese ganzen Kommentare nichts an. Diese Art von Kommentar wird von mir gelesen und anschließend direkt in den Papierkorb verschoben. Bei diesem einen Satz höre ich mein Ego jedoch förmlich knacksen. Ich fühle mich angegriffen und verletzt. Ich überlege, ob ich ihn einfach direkt in den Papierkorb verschieben oder doch meinen Senf dazu geben soll. Letztendlich entscheide ich mich für letzteres und verpacke meine Antwort in Ironie und Sarkasmus. Nur deshalb, damit keiner merkt, dass ich wirklich verletzt bin. So lasse ich das dann stehen.

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Wochen, wenn nicht gar Monate ist es schon her, dass dies auf meinem Blog passierte. Ich hatte schon gar nicht mehr daran gedacht, bis ich abends mit Judith, meiner ehemaligen Mitbewohnerin, bei Wein und Popcorn auf dem Balkon sitze. Wir unterhalten uns über meinen Blog, über Ideen und kreative Tiefs. Sie weiß, dass in mir so viel mehr steckt. Dass ich aus meinem Blog so viel mehr machen könnte. Dass sich die Leute für mich interessieren. Und dann sagt sie etwas, was mich so schnell nicht mehr los lassen würde.

„Leni, ich möchte nicht, dass du dich angegriffen fühlst, wenn man dich als Plus-Size-Model bezeichnet. Schau mal, alle großen Modeblogger sehen gleich aus. Alle tragen das Gleiche. Sie haben alle die gleichen Kooperationspartner. Du bist so viel mehr, kein 0815-Mädchen. Vor allem hast du eins: du hast Kurven. Du hast wunderschöne, perfekt verteilte Proportionen. Männer stehen nicht auf diese dürren Mädchen, sie wollen etwas anfassen. Das alles hast du. Ich weiß, auch wenn du nackt vorm Spiegel stehst bist du wunderschön.“

Ich komme ins Grübeln und letztendlich zum Entschluss, dass sie recht hat. Schon im Februar hatte ich eine Kolumne angefangen, aber nicht die richtigen Worte für das gefunden, was mir durch den Kopf ging. In meinem Kleiderschrank hängen Kleidungsstücke in Größe 36 bis 42. Das sind VIER verschiedene Konfektionsgrößen und jede hat das gleiche Statement: definiere dich als Mensch nicht über eine Zahl oder einen Buchstaben. Sieh „Plus-Size-Model“ als keine Beleidigung. Sieh es als Kompliment.

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Das Gespräch ist noch gar nicht so lange her, gerade einmal ein paar Tage und trotzdem, hat es meine Sicht auf die Dinge schon verändert. Die Jeans, die ich trage hat Größe 38, mein Top 34, mein Pulli ist Größe XL und mein Mantel, den ich auf Grund der kühlen Temperaturen wieder ausgepackt habe, wird von einem L auf dem Etikett geprägt. Ich stehe da und denke mir „Scheiß drauf“. Ich ziehe mich bis auf die Unterwäsche aus und so stehe ich dann vor meinem Spiegel. Da sind verblasste Dehnungsstreifen auf meinem Po und meinen Brüsten mit Körbchengröße D. Dellen auf meinen Oberschenkeln. Da ist keine Lücke zwischen den Oberschenkeln – keine „Thigh Gap“.  Aber das bin ich. Mit hellblauen Augen, schönen Haaren und weiblichen Kurven. Zwar nur 1,67 groß und auch kein Model, aber wenn dem so wäre: Ja, dann wäre ich ein wunderschönes Plus-Size-Model!

loveyourself22

 

 

Ich gehe gerne zum Sport, weil es für mich ein Ausgleich zum manchmal sehr stressigen Alltag ist. Ich treffe mich gerne mit Freunden, abends auf ein, zwei Gläser Wein und etwas Gutes zum Essen. Das kann eine leckere Salatbowl sein, aber auch ein saftiger Burger mit lecker Süßkartoffelfries. Ich esse bedacht und ernähre mich weitestgehend gesund aber ich sehe es nicht ein, auf Dinge zu verzichten, nur um anderen Leuten zu gefallen und in dem Medienstrom, der dir sagt, du seist nicht schön, wenn du nicht Size-Zero trägst, mit zuschwimmen. Zumal Plus-Size nicht bedeutet, man sei übergewichtig oder gar fett.

Wie auch ich solltet ihr daraus schließen, dass es da draußen immer Leute geben wird, denen man nicht gefällt. Es wird immer jemanden geben, der dich für deine Körpergröße, dein Gewicht, dein Aussehen allgemein, kritisieren wird. Man kann es nicht allen recht machen. Auf diese Leute kommt es aber auch nicht an. Es kommt darauf an, sich selbst zu lieben. Mit allen Ecken und Kanten, Macken und Fettpölsterchen. Es kommt darauf an, Spaß am Essen und Naschen zu haben, kein schlechtes Gewissen. Denn nur, wenn du dich selbst liebst, werden dich auch andere lieben. Denn nur dann, kannst auch du lieben.

Wenn es etwas in meinem Leben gibt, etwas, das einmalig ist, dann ist es mein Vertrauen. Missbraucht man es einmal, kommt es nie wieder zurück. Ich versuche es zwar, aber es wird nie wieder so sein wie vorher, ich werde immer misstrauisch sein. Ich spreche von der Gegenwart, der Zukunft. In der Vergangenheit verteilte ich Chancen wie warme Brötchen. Nicht nur eine zweite Chance, nein, auch eine Dritte, Vierte, Fünfte… So oft musste ich auf die Nase fallen aber meine Naivität reichte weiterhin ins Unermessliche. „Menschen ändern sich doch“ lautete meine Devise. Wer sich jedoch veränderte waren nicht die Menschen um mich herum, sondern ich.

Dass mein Freund zu Beginn unserer Beziehung zwei,- oder gar drei-gleisig fuhr, erfuhr ich relativ schnell. Von einer „Mitstreiterin“, die seine Ex-Freundin war. Ebenso, wie die andere. Ich entschuldigte dieses Fehlverhalten mit Unsicherheit und Selbstzweifel, wogegen ich mir heute lieber die Zunge abschneiden würde, als so etwas zu entschuldigen. Dennoch gab ich dieser Beziehung eine Chance. Ein Jahr später erfuhr ich von meinem besten Freund, was mein Freund hinter meinem Rücken so meiner Freundin schrieb, aber er hatte keine Beweise dafür. Ich konfrontierte ihn damit, er stritt alles ab und bezichtigte meinen besten Freund so zu handeln, weil er uns auseinander bringen wolle, weil er selbst in mich verliebt sei. Ich ließ mir so ins Gewissen reden, dass ich mit meinem besten Freund brach, weil ich ihm kein Wort mehr glaubte. Am nächsten Abend stand mein Freund mit einem Strauß Rosen vor meiner Tür und flehte mich an ihm zu verzeihen und ihm nochmals eine Chance zu geben. Ich tat es. Ein Jahr später erfuhr ich von einem anderen Mädchen aus der Nachbarschaft. Ich tobte jedes Mal förmlich, doch dieses Mal war ich ganz ruhig, still und erst da merkte ich, wie gefährlich es wurde, wenn ich nicht schrie. Dass es fünf vor zwölf war. Dann zog ich mit ihm zusammen und meine Freunde und Familie schüttelten darüber nur den Kopf. Wir wohnten keine vier Wochen zusammen, als mich und meine Mutter dieses Gefühl überkam. Es war das erste Mal, dass ich mir sein Handy griff und gezielt darin nach etwas Bestimmten suchte. Ich weiß, dass man so etwas nicht macht und ich werde es auch nie wieder tun. Aber nennen wir es weibliche Intuition, denn was ich da las, war zutiefst verstörend und es brach mir das Herz. Ab diesem Moment war für eine bestimmte Zeit jedes Wort und jede Berührung zu viel. Wir schliefen nicht mehr in einem Bett, ich aß kaum mehr. Aber auch das verzieh ich ihm irgendwann. Doch es reihten sich Geschichten an Geschichten. Jedes Mal erfuhr ich es, weil mein Gefühl und sein Verhalten einher gingen und ich es durch Fangfragen oder „Spionage“ herausfand. Aber jedes Mal verzieh ich ihm auch das. Bis er nach knapp vier Jahren die Beziehung beendete und heute bin ich ihm dankbar dafür, denn ich hätte es vermutlich nie geschafft ihn zu verlassen.

Was ich meinem besten Freund damals antat, indem ich mit ihm brach, habe ich mir bis heute nicht verziehen. Er war einer der Wenigen, der von Beginn an den Mumm in den Knochen hatte, mir zu sagen, dass mein Freund der falsche Mann für mich sei, aber ich war blind vor Liebe. Wenn wir uns heute sehen, schlägt mein Herz immer einen Takt schneller als normal. Er hat mir bis heute nicht verziehen und er gab mir auch zu verstehen, dass es zwischen uns niemals mehr so sein würde wie früher. Ein „Hey“, ein „Wie geht’s dir? Was gibt’s Neues?“, Smalltalk und ein „Tschüss“. Mehr findet zwischen uns nicht mehr statt. Jedes Vorhaben, sich mal auf einen Kaffee zu treffen, verläuft im Sand.
Das alles ist nun schon ein paar Jahre her und ich bereue diese Beziehung noch immer nicht, denn ich wäre heute schlichtweg nicht die, die ich bin. Natürlich haben andere davon Schaden genommen, denn ich fing an auszusortieren. Ich habe einige Freunde dadurch verloren, ihnen damit vor den Kopf gestoßen, aber ich habe sie bisher nie vermisst. Das klingt hart, ja. Aber ich habe durch diese Zeit gelernt, dass es weniger schmerzhaft ist, Freunde mit Bedacht zu wählen. Dass es sinnvoll ist, eine zweite Chance zu geben, denn Fehler machen ist menschlich, aber keine Dritte, Vierte, Fünfte. Ich bin um eine Erfahrung reicher und ich bin daran gewachsen!

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Da es in der Vergangenheit nun schon vorkam, dass sich jemand durch meine Kolumnen persönlich angesprochen oder gar in seinem Persönlichkeitsrecht verletzt fühlte, möchte ich hier noch eine Sache mit direkter Ansprache klar stellen: Personen werden in meinen Kolumnen nie namentlich erwähnt, außer, ich habe deren Zustimmung. Wenn du dich also durch meinen Text persönlich angesprochen fühlst oder gar weißt, dass es hier um „dich“ geht, dann sollte das für dich ein Zeichen dessen sein, dass du mir im Gedächtnis geblieben bist. Dass meine Gefühle angetastet wurden – positiv oder negativ, dass sei mal dahingestellt – und dass ich das, was passiert ist, verarbeite.

Ich sitze in der Arbeit und bin ganz kribbelig. Es juckt mir richtig in den Fingern. Der Feierabend nähert sich immer mehr und ich bin voller Tatendrang. Ich muss irgendwas tun. Schon am Tag zuvor hatte mich diese innere Unruhe geplagt. Ein Gedanke nach dem anderen schoss mir durch den Kopf und ich war ein paar Mal echt den Tränen nahe, weil mich irgendein Gedanke aus der Vergangenheit einholte. Genau DAS ist für mich immer das Zeichen, dass sich etwas ändern und/oder ich in meinem Leben etwas aufräumen muss. Ich sitze vor meinem Bildschirm und zähle die Minuten bis zum Feierabend. Ich überlege was zu tun ist. Jawoll, Schlafzimmer streichen… Den Gedanken verwerfe ich aber gleich wieder, denn das wollte ich gemeinsam mit meiner Mama angehen. Okay, es läuft auf gründlichen Frühjahrsputz hinaus.

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Als ich die Türe zu meiner Wohnung öffne, habe ich für alles eine Erklärung. Es sieht aus, als hätte ich gerade die letzte Schlacht gegen England verloren. Ein Schlachtfeld, wohin das Auge reicht. Okay, back to reality: überall liegen Klamotten, Tüten und sonst noch was rum und es sieht schlichtweg nach allem aus, nur nicht nach meiner Wohnung. Da stehe ich nun, in Mitten meines Chaos und weiß nicht wo ich anfangen soll. Letztlich beginnt so etwas eh immer damit, Dinge von A nach B und von B zurück nach A zu schieben. Ich beginne im Schlafzimmer denn das ist aktuell der größte Schandfleck überhaupt. Ich bin unglaublich unzufrieden, während ich da so meine vier Schlafzimmerwände beachte. Es ist meiner Meinung nach alles wild zusammengestöpselt und einfach nicht die Wohlfühloase, die ich mir eigentlich wünsche. Da beginnt das „große Möbelrücken.“ Viel kann man in diesem kleinen Zimmerchen auch nicht verändern. Das Bett wird weiter zum Fenster geschoben, die Schränke werden verrückt und es wird mal gründlich geputzt. Weiter geht’s…

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Als nächstes sind Küche und Bad dran, zu guter Letzt muss das Wohnzimmer dran glauben. Alles was mir in die Quere kommt fliegt – bedingungslos – in irgendeine Ecke, wo ich es erstmal ein paar Minuten nicht sehen muss. Es kotzt mich alles an. Da sind sie, die gefürchteten fünf Minuten. Fünf Minuten zwischen wütendem Rumgekicke der Sachen, einer Heulattacke, nicht-jugendfreien-Fluchen um schließlich voller Tatendrang die Verwüstung, die ich kurz vorher noch selbst verursache habe, wieder aufzuräumen. Aber es fliegt trotzdem erneut alles – nämlich in den Müll. Ich brauche frischen Wind. Ich brauche Platz. (Vor allem brauche ich eindeutig weniger Staubfänger!) Anschließend schleppe ich drei randvolle Mülltüten mit Papier und sonstigem Zeug in den Hinterhof. Was meine Nachbarn wohl denken – eigentlich ist es mir ja egal, denn meine Nachbarn sind eh alle verrückt.

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Nach fünf Stunden wirklich, wirklich harter Arbeit stehe ich nun in meinem Schlafzimmer, halte ein Glas Weißwein in meiner Hand, betrachte mich im Spiegel und proste mir selbst zu. Ich hab was geschafft und verdammt, es fühlt sich richtig klasse an. Es hat richtig Spaß gemacht und es gefällt mir, wie viel Platz ich nun habe. Alles riecht so sauber. Kennt ihr das, wenn es für euch wirklich sauber riecht? Das klingt so verrückt, aber ja, manchmal hat man diesen Geruch in der Nase. Der Frühlingsputz in dieser Hinsicht wäre geschafft. Aber irgendwas fehlt noch… Was es ist? Der Sache gehe ich nun auf den Grund! Der Frühjahrsputz wäre zumindest schon mal erledigt.

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„Leni… oh Leni. Vielleicht braucht dein ganzes Leben einen Frühjahrsputz? Oder vielleicht musst du den oder die einen oder anderen noch aufräumen? Vielleicht solltest du auch einfach nur noch eine Runde joggen gehen und den Kopf freikriegen…“ Oh mein Kopf. Oh mein Gewissen. Aber ja, vielleicht muss ich auch hier noch aufräumen, denn ich habe mir doch für 2017 vorgenommen „alles anders zu machen“. Aber ach…. Vorsätze sind doch da, um über Bord geworfen zu werden oder in meinem Fall: Vorsätze sind doch da um… ups, Zewa – mit einem Wisch, ist alles weg. Auch die guten Vorsätze…

Als sich mein damaliger Freund dazu entschloss auf Weltreise zu gehen, waren wir gerade drei Jahre zusammen. Ich kam nach Hause und er stellte mich vor die Wahl: entweder er und die Weltreise oder unsere Wege würden sich trennen. Weil ich ihn liebte entschloss ich mich ohne zu zögern für ihn. Was diese Reise bedeutete, konnte ich erahnen, aber wie die drei Monate werden sollten, bevor es für ihn los ging, daran hatte ich nicht gedacht. Anfangs wehrte ich mich vehement über diese Reise zu sprechen. Ich wollte es vielleicht nicht ganz wahr haben, hatte gehofft das alles zu verdrängen und gehofft, es würde nicht mal so weit kommen, er würde es sich nochmal anders überlegen. Als ich jedoch merkte, dass das alles keine Schnapsidee war, fing ich an mich damit zu beschäftigen. Ich setzte mich mit ihm zusammen, ließ mir die Route zeigen, alles erklären und ging mit ihm durch, was noch alles organisiert werden musste. Am Abend, an dem er den Flug buchte, ertränkte ich meinen Kummer in Alkohol. „Der Flug ist gebucht. Am 22.10. geht’s los.“ // Wir machten das Beste aus den übrigen Wochen. Wir flogen für 10 Tage in den Urlaub, unternahmen viel. Hielten nahezu jeden gemeinsamen Moment in bildlicher Form fest…
Aber die Zeit bis zum „Tag X“ wie ich ihn nannte, verging immer schneller und allmählich sammelte und stapelte sich im Arbeitszimmer alles mögliche an Utensilien und Dokumenten, die man für eine solche Reise brauchte. Ich gab wirklich mein Bestes um ihn in allem zu unterstützen, aber mit dem wachsenden Stapel wuchs auch wieder mein Kummer. Ich hatte das Gefühl, dass jeder Tag um mehrere Stunden beraubt wurde. // Am letzten Abend saßen wir im Wohnzimmer unserer gemeinsamen Wohnung. Es war bedrückend und nur widerwillig ging ich irgendwann schlafen. Als der Wecker am nächsten Morgen klingelte lagen wir im Bett, ganz still. Da war er also, dieser verfluchte Tag. Da er in Frankfurt abflog musste ich mich bereits in Nürnberg am Bahnhof von ihm verabschieden.

Als die Türen schlossen, drückte ich meine Hand 
gegen die Scheibe des ICE’s und ganz ehrlich? 
In diesem Moment schwor ich mir, so etwas nie wieder mitzumachen.

Die ersten Tage waren die Schwersten. Ich schaffte es nicht etwas auch nur ansatzweise zu verändern oder aufzuräumen, was er zuletzt in der Hand gehabt hatte. Seine Klamotten, die er am Abend vor seiner Abreise im Wohnzimmer auszog ließ ich wochenlang liegen, weil sie mir das Gefühl gaben, er sei noch zuhause und würde jeden Moment durch die Türe kommen.

Wann auch immer die Zeit es zuließ telefonierten oder skypten wir, und wenn es nur wenige Minuten waren. Die Beziehung funktionierte erstaunlich gut über die Distanz hinweg und das verlieh mir Sicherheit. Mir ging es besser und ich begann mein Leben neu zu ordnen und arrangierte mich mit der neuen Situation. Ich vergrub mich nicht mehr nur zuhause, ging wieder aus oder lud Freunde zu mir ein. Natürlich waren Tage wie mein Geburtstag, Weihnachten, Silvester, unser Jahrestag oder sein Geburtstag Tage, an denen es mir nicht gut ging, die ich nicht genießen konnte. Aber die Tage vergingen. Es wurde November, Dezember, Januar, Februar, März…. Die Vorfreude stieg, aber auch die Anspannung. Auf den letzten paar Metern fingen wir an uns immer öfter und wegen jeder Kleinigkeit zu streiten. Wir stritten via Skype, einer von uns beendete einfach das Gespräch indem er den Laptop oder die App schloss. Ich hatte Panik, furchtbare Panik. Ich hatte mein Leben im letzten halben Jahr ganz gut hinbekommen, hatte gelernt wieder alleine zu leben und mich persönlich stark verändert. Ich hatte Angst, wir könnten uns nicht mehr mögen. Ich hatte Angst, jeder von uns hätte sich an sein neues Leben gewöhnt und hätte das „Alte“ vergessen. // Zwei Tage vor seiner Ankunft entspannte sich die Situation. Wir freuten uns aufeinander und zeigten das auch. Wir zählten die Stunden. Die Autofahrt nach Frankfurt kam mir wie eine Ewigkeit vor. Ich konnte es kaum erwarten.
Er verließ als letzter das Gate. Er trottete hinter den Flugbegleitern her, ein fettes Grinsen im Gesicht. Als ich ihn sah stand die Welt einen Moment still und mein Herz setzte aus. Wir hatten es geschafft, ein ganzes halbes Jah. Ich hatte das Gefühl mein Herz würde zerspringen. Die ganze Heimfahrt über hielt er meine Hand und ließ sie nicht mehr los. Das Gefühl war überwältigend. Als er abends das erste Mal nach sechs Monaten wieder neben mir einschlief, blieb ich die halbe Nacht wach und schaute ihm beim Schlafen zu.
Die ersten paar Tage war ich wie in Trance. Es wirkte alles wie durch eine rosa rote Brille. Aber nach kurzer Zeit stellten wir fest, dass es nicht mehr so war, wie vorher. Etwas hatte sich verändert. Wir hatten uns verändert. Wir stritten täglich, in den schlimmsten Phasen lebten wir nebeneinander her, redeten kaum miteinander und gingen getrennt schlafen.

Alles war lieblos, halbherzig und kalt.

Ich führte stundenlange Gespräche mit meiner Familie, wandte mich an seinen Freund, mit dem er anfangs auch gemeinsam auf Reisen war. Alle sagten mir, ich solle kämpfen, an uns glauben und das tat ich. Ich investierte all meine Kraft in diesen Kampf und an einem Dienstag hatte ich das Gefühl, wir hätten das Schlimmste überstanden. Es war der erste Tag, an dem ich mich wieder darauf freute nach Hause zu kommen, ohne Bauchschmerzen. Es war aber auch jener Tag, an dem ich den Kampf um meine Beziehung verloren hatte. Sechs Wochen waren vergangen, seit ich ihn in Frankfurt am Flughafen abgeholt hatte.

~
Was ich euch mit dem Einblick in dieses kurriose halbe Jahr sagen möchte: ich denke nicht, nein, ich weiss, dass nicht jede Beziehung nach einer solchen Reise zerbricht. Eine solche Reise stärkt Beziehungen, schafft Vertrauen und gibt einem selbst auch die Möglichkeit, sich neu zu entdecken. Selbst wenn man derjenige ist, der zurückt bleibt, während der andere das womöglich größte Abendteuer seines Lebens erlebt. Eine Beziehung, die eine solche Reise nicht übersteht wäre früher oder später sowieso auseinander gegangen. Als ich mich am 22. Oktober 2013 am Gleis von meinem damaligen Freund verabschiedete, schwor ich mir, so etwas nie wieder mit mir machen zu lassen.

Heute, genau drei Jahre, nachdem ich die Hand 
gegen die Scheibe des ICEs drückte, 
revidiere ich diese Aussage. 

Ich würde es wieder tun. Diese Zeit hat mich verändert. Sie hat mich stärker gemacht und ich habe angefangen, nicht immer nur die schönen Dinge zu sehen. Ich habe meine mädchenhafte Brille abgelegt und bin durch diese Zeit ein Stück weit erwachsener geworden. Ich habe Dinge für mich neu entdeckt, ich habe gelernt, alleine durchs Leben zu gehen und es trotzdem zu schaffen. Ich würde es wieder tun, weil es der größte Fehler auf Erden ist, einem Menschen, den man liebt etwas zu verwehren, was dieser liebt. Und wenn es das Reisen ist, dann wird er sich auch immer wieder fürs Reisen entscheiden. 

Schande über mein Haupt, ich habe mir doch tatsächlich erneut Tinder runtergeladen. Tinder und ich führen eine On-Off-Beziehung. 
Ich glaube, es ist an der Zeit diese Beziehung endgültig zu beenden. 
~
Ich sitze im Wartezimmer und warte darauf, dass ich aufgerufen werde. Mein Bein brennt, es tut weh, es ist entzündet. Eine Wespe hat mich gestochen und als Allergiker habe ich (natürlich…) kein Erste-Hilfe-Kit dabei gehabt, als es passierte. Es dauert wieder Ewigkeiten, ich bin schon lange über meinen ursprünglichen Wartezeit und ich blättere so durch den virtuellen Männerkatalog: links, links, links, rechts, links, links, links – OHA – rechts!! Aus meinem Handy heraus blicken mich stahlblaue Augen an und ohne groß darüber nachzudenken tippe ich wie wild eine Nachricht ein – senden. Im selben Moment blinkt mein Handy: neue Nachricht von T. Das ging schnell – Zwei Doofe, ein Gedanke! Sein Schreibstil wirkt sympathisch. Es geht eine Weile hin und her, er fragt, ob ich mich abends mit ihm treffen möchte. Ich will erst absagen, so wie ich es immer mache, aber ich überwinde meinen inneren Schweinehund und sage zu. Die Ärztin ruft mich auf. Es dauert eine Weile, ehe ich das Sprechzimmer wieder verlassen kann. Ich hinke nach Hause. Ich habe also ein Date. // Als wir uns am verabredeten Treffpunkt treffen ist es super entspannt. Ich werde mit einem Küsschen auf die Wange begrüßt. Verdammt, diese Augen… Er ist sympathisch, er hat ein freundliches Lachen und die Begegnung ist so überhaupt nicht unangenehm. Er hat Wein mitgebracht, ich zwei Gläser. So sitzen wir im Stadtpark, erzählen uns Geschichten, lachen über die Jugendlichen, die neben uns ordentlich Krawall machen. Wir reden über unsere Verflossenen, bisherige Tinderbekanntschaften und missglückte Dates. Ich erzähle ihn von einem meiner Dates, als mich meine Freundin Jana in Tränen aufgelöst (Schauspielern kann sie!) anrief um mich aus einem Katastrophendate zu befreien. Er springt auf, stellt sein Glas hin, formt seine Hand zu einem Telefon und sagt
 
„Also ja, äh, war super, ne. Ich ruf dich an“
Er grinst frech und setzt sich wieder neben mich. „Der Klassiker“ sagt er und nippt an seinem Wein. Meine Story schien ihn zu belustigen. Die Zeit vergeht wie im Flug. Er legt seinen Arm um mich, streichelt mir über die Schulter, schenkt mir Wein nach. Er ist sehr höflich und aufmerksam. Ich lehne mich an seine Schulter und da küsst er mich. Es ist vorsichtig, herantastend, nicht bestimmend. Es ist angenehm aber dennoch irgendwie merkwürdig. Ich möchte nach Hause. Da ich direkt am Stadtpark wohne, möchte ich laufen aber T. besteht darauf, mich nach Hause zu fahren. Er nimmt mich an der Hand, wir gehen zu seinem Auto. Als wir vor meiner Tür stehen blickt er mich an und sagt, dass er sich schon auf unser nächstes Treffen freut. „Wir machen einfach einen zweiten Dienstag in dieser Woche.“ Zum Abschied küssen wir uns vorsichtig, ich öffne die Autotüre, gehe zur Haustüre und stecke den Schlüssel ins Schloss. Ich drehe mich nicht nochmal um, wie ich es normalerweise mache.
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Es ist lustig, denn seit diesem Treffen sind zwei Wochen vergangen und ich habe T. seither nicht mehr gesehen. Er hat dann wohl den Klassiker gebracht. Wir haben noch ein paar Tage nach unserem Treffen hin- und her geschrieben, uns für nach meinem Urlaub verabredet – von ihm aus! Dann bricht der Kontakt ab – von heute auf morgen. Ich hätte mich auch weiter bemühen können, aber ich habe schlichtweg keinen Bock für einen erwachsenen Mann den Alleinunterhalter zu spielen. Wieder einmal stellt sich mir die Frage, warum es Männer nicht schaffen Frauen einen anständigen Korb zu geben. Gerade von einem Mann im Alter von 30 Jahren kann man doch erwarten, dass er einen Arsch in der Hose hat. In Zeiten von Whatsapp und Facebook geht das doch super einfach. Eine kurze Nachricht, frei nach dem Motto „Hey, war ein super Abend aber der Funke ist leider nicht übergesprungen…“
Ich erwarte nicht mal eine Entschuldigung. 
Ich erwarten schlichtweg einfach nur RESPEKT! 
Aber offenbar gibt es nur noch eine Hand voll Männer, die diesen Respekt vor einer Frau haben – mir ist jedenfalls noch keiner von dieser vom aussterben bedrohten Spezies begegnet. Zumal so etwas nach dem ersten Treffen schon vorkommen kann: die Chemie hat zwar gestimmt aber halt irgendwie dann doch nicht.
Also Männer, zeigt mal, dass ihr tatsächlich das „starke Geschlecht“ seit und kneift nicht, wenn es darum geht, seinen Mann zu stehen. Wir wollen euch ja nicht gleich heiraten! 
 
In diesem Sinne: 
Cheers, ich ruf dich an! xx