column: laut gedacht – Hochverrat unter Freundinnen

Samstagmorgen, 08:30 Uhr. Mein Handy klingelt und ich schrecke hoch. Ich liege noch in meinem Bett, habe erst wenige Augenblicke zuvor die Augen aufgeschlagen. Als ich den Anruf annehme, ahne ich noch nicht, was dieses Gespräch auslösen würde. Nach nicht mal fünf Minuten lege ich wieder auf und starre daraufhin minutenlang den dunklen Bildschirm meines Smartphones an. »Ist das wirklich ihr Ernst?« Diese Frage schießt mir im Sekundentakt durch den Kopf. Fassungslos wähle ich die Nummer meiner besten Freundin. Während ich Sarah von meinem Telefonat erzähle, schüttelt sie immer wieder ungläubig den Kopf. »Das ist Hochverrat unter Freundinnen«, flüstere ich in den Hörer. »Wie kann sie mir so etwas nur zutrauen?«

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*

Der Mann fürs Leben? – ich glaube nicht!

Anfangs war ich von C.’s neuem Freund angetan. Er machte einen sympathischen Eindruck, ich konnte mich gut mit ihm unterhalten – wir teilten in vielerlei Dingen die gleiche Ansicht. Mit der Zeit musste ich aber feststellen, dass der neue Mann an der Seite meiner Freundin gar nicht so gut zu sein schien, wie ich es anfangs dachte. C. wirkte immer geknickter und weinte öfter, als ich es von ihr kannte. Je häufiger ich von seinen Kontrollen und geforderten Rechtfertigungen hörte, desto misstrauischer wurde ich.  Nahezu in jedem abendlichen Telefonat – die wir zuletzt sogar heimlich führen mussten, weil er ihr den Kontakt zu mir untersagte – warnte ich sie mehr von ihm. »Er wird dich nicht glücklich machen. Du liebst die Freiheit, auch mal machen zu können was DU willst, ohne es irgendwem gegenüber rechtfertigen zu müssen. Ich liebe dich, aber ich glaube nicht, dass er der Mann fürs Leben ist. Nein, ich weiß es. Irgendwas sagt mir, dass du es lassen solltest.« Eindringliche Worte, aber es schien bei ihr Klick zu machen. Sie beschloss alles zu beenden.

Zwei Wochen später klingelte dann morgens mein Telefon…

Hochverrat unter Freundinnen

Verschlafen nuschle ich ins Telefon, ob alles in Ordnung sei. Als sie mir erzählt, dass T. am Abend zuvor einen anonymen Anruf erhielt, in dem eine unbekannte Frauenstimme Dinge erzählte, die nur ich wusste, war ich jedoch schlagartig wach. Ungläubig fragte ich sie, ob ihr Gedankengang ihr Ernst sei. Sie sprach von markanten Einzelheiten, von denen sie nur mir erzählt hatte. Von einer plausiblen Überlegung und davon, dass man ja wohl noch fragen dürfe. Ich hielt kurz die Luft an um meine aufkochende Wut unter Kontrolle zu bekommen und fragte sie erneut, ob sie mir das wirklich zutrauen würde. »Naja, laut T. klang es nicht nach dir, es könnte auch Sarah gewesen sein.« An dieser Stelle verlor ich den Kampf gegen mich selbst und es sprudelten unkontrollierte Sätze aus mir heraus. Ich war so wütend, fassungslos und vor allem: überfordert. »Als ob wir nichts Wichtigeres zu tun haben«, zetere ich ins Telefon. »Lasst uns bitte mit eurem Kindergarten in Ruhe!« Mein Herz rast. Ich lege auf.

Zehn Tage später melde ich mich bei ihr. Frage sie, wie ich denn überhaupt an seine Nummer hätte gelangen sollen und ob sie die Anrufe mitgehört hatte. Ob nicht alles eine Intrige sei, um mich los zu werden, weil er genau wusste, wie wichtig meine Meinung für C. war. Dass diese Anrufe gar nicht stattgefunden und er einfach nur gute Recherche in ihrem Handy betrieben hatte. Es folgt ein ellenlanger Text. Wieder gab es einen anonymen Anruf, wieder war es eine Frau. Derartige Anschuldigungen könne ich mir sparen. Sie könne nicht restlos sicher wissen, ob ich es war oder nicht. Sie hätte jedoch nach meiner Reaktion am Telefon nach wie vor keine andere Erklärung dafür.

Ich lösche den Nachrichtenverlauf und ihre Handynummer.

Ein Schlag mit der flachen Hand ins Gesicht

Während ich vor meinem Laptop saß und die Zeilen tippte, stellte ich mir immer wieder die Frage, ob wir tatsächlich jemals beste Freundinnen waren. Loyalität, Ehrlichkeit und blindes Vertrauen sind für mich die essentiellen Bausteine einer Freundschaft. Ich frage mich jedoch, was C. in all der gemeinsamen Zeit wirklich in mir gesehen haben muss, wenn sie mir, ohne mit der Wimper zu zucken, einen solchen Hochverrat unter Freundinnen zutraute. Einen sonderlich guten Menschen kann sie in mir jedenfalls nicht gesehen haben. Zu Beginn habe ich den ganzen Konflikt mehr oder weniger von mir weg geschoben. Irgendwann holte es mich aber doch ein und ich saß heulend auf dem Küchenboden, während ich meinem Freund die ganze Geschichte erzählte. Ich schwankte oft zwischen blanker Wut, verletzten Gefühlen und Trauer, aber meine Hilflosigkeit war das Schlimmste an der ganzen Sache. Als ich C. kennen lernte, fühlte es sich schon an, als wären wir alte Freundinnen, die sich wieder gefunden hatten. Ich war mir sicher, dass wir irgendwann gemeinsam auf unseren Hochzeiten tanzen oder mit einer Flasche Wein im Wohnzimmer sitzen würden, während unsere Kinder schliefen. Oft genug hatten wir darüber philosophiert. Ich hätte für sie alles getan, wirklich alles. Was dann passierte, war für mich wie ein Schlag mit der flachen Hand ins Gesicht.

*
Liebe macht blind. Das weiß ich nach drei, auf unschöne Art und Weise, gescheiterten Beziehungen selbst ganz gut und nicht nur einmal hätte ich frühzeitig die Reißleine ziehen können müssen. Für manche Menschen ist die Manipulation des Partners eine Leichtigkeit – oftmals weil sie keinen anderen Ausweg mehr sehen und hoffen, den anderen so an sich zu binden. Ich für meinen Teil hätte mich niemals im Leben gegen meine Freundin und für eine Beziehung, die schon längst zum Scheitern verurteilt war, entschieden. Trotzdem: selbst wenn C. zwischenzeitlich mit sich hadert, ob ich nicht vielleicht doch “die Gute” bin, höre ich mein Herz leise flüstern, dass das Geschehene unverzeihlich ist. Ich habe mich in einer Freundschaft noch nie so hilflos gefühlt & obwohl ich weiß, dass ich mit allem nichts zu tun hatte, fühlte ich mich dennoch anfangs wie eine Verräterin… 

* die Namen wurden zur Wahrung der Privatsphäre geändert!

2 Kommentare

  1. Anna
    16. Juli 2018 / 12:58

    Danke für deine offenen und ehrlichen Worte! Ich finde es immer so stark, wie du mit Worten umgehen und uns damit in seinen „Bann“ ziehen kannst. Es ist schön, wieder von dir zu lesen!

    • Leni
      Autor
      17. Juli 2018 / 9:05

      danke 🙂

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